Pinterest und der Kampf gegen KI-Spam
Wer in den letzten Monaten Pinterest geöffnet hat, um nach einem Schnittmuster für ein Sommerkleid, einer Anleitung für ein DIY-Regal oder Inspiration für ein Tattoo zu suchen, kennt das Gefühl: Etwas stimmt nicht. Das Licht auf dem Foto ist zu perfekt, das Regal hat einen physikalisch unmöglichen Winkel, oder das Tattoo hat eine Linie zu viel.
Pinterest, einst die letzte Bastion für handkuratierte, menschliche Kreativität im Internet, steht an einem entscheidenden Wendepunkt. Die Plattform kämpft gegen eine Welle von KI-generiertem Spam, der droht, das fundamentale Versprechen der App zu untergraben: Machbarkeit.

Wenn Inspiration zur Illusion wird
Das Kernproblem ist nicht die Existenz von Künstlicher Intelligenz an sich, sondern wie sie von Spam-Akteuren weaponisiert wird. Tools wie Midjourney oder DALL-E können in Sekunden Tausende visuell beeindruckender Bilder erstellen.
Das führt zu zwei massiven Problemen auf Pinterest:
- Die „Dead End“-Inhalte: Ein Nutzer klickt auf das Bild einer wunderschönen Torte, nur um auf einer werbeverseuchten Webseite zu landen, auf der es kein Rezept gibt – weil die Torte nie gebacken wurde.
- Die Unmöglichkeit der Umsetzung: Besonders im DIY- und Handarbeitsbereich ist dies fatal. Ein KI-generiertes Bild eines Häkelpullovers sieht fantastisch aus, ist aber technisch oft unmöglich nachzumachen, da die Maschenstruktur logisch keinen Sinn ergibt.
Das Resultat: Die Nutzer verlieren das Vertrauen. Pinterest wandelt sich von einer Suchmaschine für Projekte zu einer Galerie für Fantasien.
Warum Pinterest besonders verwundbar ist
Im Gegensatz zu Instagram oder TikTok, wo Persönlichkeit und parasoziale Beziehungen im Vordergrund stehen, ist Pinterest eine visuelle Suchmaschine. Der Nutzer sucht nach einer Lösung oder einer Idee, nicht nach einer Person.
Das macht die Plattform zum perfekten Ziel für SEO-Spammer. Automatisierte Bots fluten die Feeds mit KI-Bildern, die genau auf populäre Suchbegriffe optimiert sind („Modernes Wohnzimmer Beige“, „Fantasy Character Art“), um Traffic auf externe Seiten zu leiten.
Pinterests Gegenoffensive
Pinterest ist sich des Problems bewusst und hat in den letzten Jahren reagiert. Aus heutiger Sicht lassen sich drei Hauptstrategien erkennen:
Algorithmische Anpassungen: Pinterest versucht, Signale zu priorisieren, die auf „echte Erfahrungen“ hindeuten. Das bedeutet oft eine Bevorzugung von Video-Content oder Pins, die mit verifizierten Händler-Webseiten verknüpft sind.
Technologie gegen Technologie: Das Unternehmen setzt selbst fortschrittliche KI ein, um Muster von Spam-Netzwerken zu erkennen und massenhaft generierte Inhalte schneller zu flaggen, als menschliche Moderatoren es je könnten.
Fokus auf „Creator“: Um die Echtheit zu wahren, pusht Pinterest Formate, die schwieriger zu fälschen sind, wie z.B. Schritt-für-Schritt-Videos oder Inhalte von verifizierten Influencern.
Die Ironie: Pinterest liebt KI (eigentlich)
Es wäre falsch zu sagen, Pinterest sei gegen KI. Im Gegenteil: Die Plattform ist ein Pionier in Sachen Computer Vision. Funktionen wie „Ähnliche Looks shoppen“ oder die „Körperbautyp-Technologie“ (die Suchergebnisse an verschiedene Körperformen und Hauttöne anpasst) basieren auf massiver KI-Leistung.
Der Kampf richtet sich also nicht gegen die Technologie, sondern gegen den Verlust der Authentizität. Pinterest will KI nutzen, um bessere Ergebnisse zu liefern, nicht um mehr Ergebnisse zu erzeugen.
5 Tipps für Creator: So schlägst du die KI
Beweise die Machbarkeit (Proof of Concept): KI generiert das perfekte Endergebnis, scheitert aber oft am Weg dorthin. Dein größter Vorteil ist der Prozess.
- Tipp: Nutze Karussell-Pins oder Videos, die „Zwischenschritte“ zeigen. Ein halb gestrickter Pullover oder ein Kuchen im Ofen sind der ultimative Beweis, dass das Projekt real ist.
Persönlichkeit als Differenzierungsmerkmal: KI-Accounts sind meist gesichtslos. Nutzer suchen jetzt aktiv nach der Person hinter der Idee.
- Tipp: Zeige dein Gesicht oder deine Hände im Bild. Nutze Text-Overlays mit einer persönlichen Ansprache („Mein Fehler beim ersten Versuch war…“). Das baut die parasoziale Bindung auf, die ein Bot nicht replizieren kann.
Video schlägt Bild: Während KI-Bilder fast perfekt sind, haben KI-Videos oft noch kleine Fehler (glitchy Bewegungen, Physik-Fehler). Echtes Video-Footage wird vom Algorithmus als vertrauenswürdiger eingestuft.
- Tipp: Lade native Videos hoch (keine Reposts von TikTok mit Wasserzeichen), die eine echte Handlung zeigen.
Verlinke auf verifizierte Quellen: Der größte Frust der Nutzer sind „Dead Links“ bei KI-Spam.
- Tipp: Stelle sicher, dass deine Webseite/Domain verifiziert ist (das kleine Weltkugel-Icon mit Häkchen). Schreibe in die Pin-Beschreibung explizit: „Vollständiges Rezept/Anleitung auf meinem Blog“. Das signalisiert: Hier gibt es mehr als nur ein hübsches Bild.
Nutze „Anti-Perfektionismus“: KI-Bilder sind oft zu symmetrisch, zu perfekt ausgeleuchtet und zu glatt.
- Tipp: Ein „Messy Kitchen“-Foto oder ein realitisches Wohnzimmer mit einer Falte im Teppich wirkt mittlerweile attraktiver als die sterile Perfektion, weil es „erreichbar“ wirkt.
Fazit: Die Rückkehr zur Kuration?
Die Zukunft von Pinterest wird davon abhängen, ob der Algorithmus lernen kann, den Unterschied zwischen einem schönen Bild und einem nützlichen Bild zu verstehen.
Wir sehen aktuell einen Trend zurück zur menschlichen Kuration. Nutzer beginnen, Accounts zu folgen, denen sie vertrauen, anstatt sich nur auf den algorithmischen Feed zu verlassen. Wenn Pinterest diesen Kampf gewinnen will, muss es beweisen, dass hinter den Pixeln noch echte Menschen mit echten Nadeln, Pinseln und Kochlöffeln stehen.
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