Warum Nachrichtenportale die Kommentarfunktionen abschalten
Wer heute unter einem Online-Artikel von Spiegel, Süddeutsche Zeitung oder regionalen Tageszeitungen nach dem Eingabefeld für die eigene Meinung sucht, wird oft enttäuscht. Wo früher lebhafte (und oft hitzige) Debatten tobten, herrscht heute oft Stille oder der Verweis auf soziale Medien.
Dieser Rückzug ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Rechnung, die rechtliche, ökonomische und soziologische Faktoren gegeneinander abwägt. Doch was bedeutet es für die demokratische Teilhabe, wenn der direkte Rückkanal zur Redaktion versperrt wird?

Moderation ist ein Verlustgeschäft
Die Kosten für Kommentare sind nicht linear, sondern exponentiell zur Reichweite eines Portals.
Die rechtliche Zange: Vom NetzDG zum Digital Services Act
Die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich von einer „Haftungsprivilegierung“ hin zu einer strengen „Verantwortlichkeit“ verschoben.
⇒ Vom Host-Provider zum Content-Verantwortlichen: Früher galten Forenbetreiber als bloße technischer Dienstleister („Host-Provider“), die erst hafteten, wenn sie von einer Rechtsverletzung wussten und nicht handelten („Notice and Takedown“). Heute wird durch Urteile des EGMR (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) und des BGH (Bundesgerichtshof) tendenziell eine proaktivere Prüfung erwartet, insbesondere wenn Themen brisant sind.
⇒ Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) & Digital Services Act (DSA): Das deutsche NetzDG (und nun abgelöst/ergänzt durch den EU-weiten DSA) zwingt Plattformen zu extrem kurzen Reaktionszeiten. Offensichtlich rechtswidrige Inhalte müssen binnen 24 Stunden gelöscht werden.
- Die Folge – Overblocking: Um hohen Bußgeldern (bis zu 50 Mio. Euro theoretisch möglich) zu entgehen, neigen Plattformen im Zweifel dazu, lieber zu viel als zu wenig zu löschen („Overblocking“). Da Medienhäuser dieses Risiko nicht eingehen wollen, ist die totale Abschaltung oft die juristisch sicherste Variante.
⇒ Störerhaftung: Selbst wenn ein Kommentar strafrechtlich nicht relevant ist (z.B. keine Volksverhetzung), kann er zivilrechtlich problematisch sein (z.B. Geschäftsschädigung oder Beleidigung). Der Verlag haftet als „Störer“, wenn er die Plattform bietet. Das Prozessrisiko ist für viele Verlage unkalkulierbar.
Mediensoziologie
Soziologische Studien haben das romantische Bild vom „Internet als Agora“ (Marktplatz der Ideen) weitgehend widerlegt.
⇒ Die 90-9-1-Regel (Ungleichheit der Partizipation): In Online-Communities gilt oft: 90 % lesen nur (Lurker), 9 % interagieren gelegentlich (Likes/Shares), und nur 1 % erstellt Inhalte (Kommentare).
- Konsequenz: Die Kommentarspalte repräsentiert nie „die Meinung der Leser“, sondern nur die Meinung des extremsten 1 %. Redaktionen haben erkannt, dass sie einer winzigen Minderheit unverhältnismäßig viel Raum bieten, was das Gesamtbild der Leserschaft verzerrt.
⇒ Der „Nasty Effect“ (Verzerrung der Wahrnehmung): Eine Studie der University of Wisconsin-Madison zeigte: Wenn Leser unter einem neutralen Artikel über Nanotechnologie aggressive Kommentare lasen, bewerteten sie den Artikel selbst als weniger objektiv und das Thema als risikoreicher. Pöbelnde Kommentare beschädigen also direkt das journalistische Produkt.
⇒ Astroturfing und organisierte Kampagnen: Kommentarspalten werden gezielt von politischen Akteuren oder Interessengruppen genutzt, um künstlich Stimmungen zu erzeugen („Astroturfing“). Was wie eine breite Empörungswelle aussieht, sind oft wenige Accounts (oder Bots), die koordiniert posten. Dies hebelt den demokratischen Austausch aus.
Strategische Neuausrichtung: Premium-Debatte durch Paywalls
Verlage haben erkannt, dass Kommentare kein „Recht“, sondern eine „Dienstleistung“ sind.
⇒ Community als Produkt (Pivot to Subscription): Verlage wie die New York Times, Zeit Online oder Süddeutsche Zeitung haben Kommentare hinter die Bezahlschranke (Paywall) verlegt.
- Die Logik: Wer bezahlt, trollt nicht (meistens). Die Hemmschwelle durch das Abo und die oft damit verbundene Klarnamenpflicht oder zumindest verifizierte Identität sorgt für ein höheres Niveau („Clean Garden“-Strategie). Die Diskussion wird zu einem exklusiven Club-Vorteil für zahlende Mitglieder.
⇒ Verlust der Datenhoheit an Big Tech: Wer Kommentare auf Facebook oder Instagram auslagert, spart zwar Moderationskosten (da dort die US-Konzerne haften/filtern), verliert aber die Daten. Man füttert den Algorithmus der Konkurrenz. Zudem priorisieren die Algorithmen von Social Media Engagement – und Wut erzeugt das meiste Engagement. Eine sachliche Debatte ist dort algorithmisch oft gar nicht erwünscht.
Auswirkungen auf die Demokratie
Hier kollidieren zwei demokratische Ideale: Partizipation vs. Schutz der Diskursqualität.
⇒ Das Zwei-Klassen-Problem der Meinung: Wenn qualitativ hochwertige Diskussionen nur noch hinter Paywalls stattfinden, entsteht eine „Eliten-Debatte“. Menschen mit geringem Einkommen werden strukturell vom moderierten Diskurs bei Leitmedien ausgeschlossen. Sie weichen auf kostenlose Plattformen (Telegram, X, TikTok) aus, wo Desinformation und Radikalisierung oft ungebremst stattfinden.
⇒ Verlust des „Realitätschecks“: Früher dienten Kommentare auch als Korrektiv für Journalisten („Sie haben Aspekt XY vergessen“). Ohne diesen Kanal riskieren Medien, sich in einer eigenen Blase zu bewegen, was den Vorwurf der „Lügenpresse“ oder der abgehobenen Medienklasse bei Kritikern verstärkt.
⇒ Silencing (Das Verstummen der Moderaten): Andererseits argumentieren Demokratietheoretiker: Ein unmoderierter Kommentarbereich ist kein demokratischer Raum, weil dort das „Recht des Lauteren“ gilt. Aggressive Trolle verdrängen moderate Stimmen, Frauen und Minderheiten („Silencing“). Das Abschalten oder harte Kuratieren der Kommentare kann also paradoxerweise demokratischer sein, weil es verhindert, dass eine aggressive Minderheit den öffentlichen Raum dominiert.
Quellenangaben:
Medienpsychologie & Soziologie (Der „Nasty Effect“ & Nutzerverhalten)
- Der „Nasty Effect“ (Verzerrung der Wahrnehmung):
- Quelle: Anderson, A. A., Brossard, D., Scheufele, D. A., Xenos, M. A., & Ladwig, P. (2014). The „Nasty Effect“: Online Incivility and Risk Perceptions of Emerging Technologies. Journal of Computer-Mediated Communication.
- Inhalt: Diese Studie belegt empirisch, dass aggressive Kommentare die Wahrnehmung des eigentlichen Artikels ins Negative verzerren, selbst wenn der Artikel neutral ist.
Die 90-9-1 Regel (Ungleichheit der Partizipation)
- Quelle: Nielsen, Jakob (2006). Participation Inequality: The 90-9-1 Rule. Nielsen Norman Group.
- Inhalt: Der Standard für Online-Communities: 90% lesen nur (Lurker), 9% tragen gelegentlich bei, 1% erstellt den Großteil der Inhalte.
Dark Participation (Trolle und Hassrede)
- Quelle: Quandt, Thorsten (2018). Dark Participation. Media and Communication.
- Inhalt: Analyse, warum Nutzer sich online negativ verhalten und wie „dunkle“ Partizipation (Trolling, Hatespeech) demokratische Diskurse stört.
Rechtliche Grundlagen (Haftung & Gesetzgebung)
- Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG):
- Quelle: Bundesministerium der Justiz (BMJ). Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken (NetzDG).
- Relevanz: Regelt die Löschfristen (24h für offensichtlich rechtswidrige Inhalte) und Bußgelder, die den Druck auf Moderationsteams massiv erhöht haben.
- Digital Services Act (DSA):
- Quelle: Europäische Kommission. Das Gesetz über digitale Dienste: Für eine sichere und rechenschaftspflichtige Online-Umgebung.
- Relevanz: Die EU-weite Regelung, die die Haftung von Plattformen neu definiert und Transparenz sowie schnelle Reaktionszeiten fordert.
Störerhaftung (BGH-Rechtsprechung)
- Quelle: BGH, Urteil vom 27.03.2007 – VI ZR 101/06 (Internet-Foren-Urteil).
- Relevanz: Grundlegendes Urteil, das festlegt, ab wann ein Forenbetreiber für fremde Inhalte haftet (nämlich ab Kenntnisnahme).
Medienökonomie & Praxis-Beispiele (Warum Verlage abschalten)
- Der Rückzug von Reuters & NPR:
- Quelle: NPR Public Editor (2016). Beyond The Comments Section: Why We’re Disabling Comments On NPR.org.
- Quelle: Reuters (2014). Reuters website to end comments on news stories.
- Inhalt: Begründungen großer Medienhäuser, warum sie Kommentare auf Social Media verlagern (Kosten, Qualität der Debatte).
Süddeutsche Zeitung (Strategiewechsel)
- Quelle: Süddeutsche Zeitung (2014/Updates). In eigener Sache: Warum wir die Kommentarfunktion auf SZ.de ändern.
- Inhalt: Erklärung zur Einschränkung der Kommentarzeiten und der Auswahl spezifischer Artikel („Wohnzimmer“-Strategie statt offener Marktplatz).
Moderation und psychische Belastung
- Quelle: Reuter, M. & Kaufhold, M. (2018). Moderation von Hasskommentaren: Belastungsfaktoren und Bewältigungsstrategien.
- Inhalt: Untersucht den „Burnout“-Faktor bei Community-Managern.
Demokratietheorie
- Strukturwandel der Öffentlichkeit:
- Quelle: Habermas, Jürgen (1962/1990). Strukturwandel der Öffentlichkeit.
- Relevanz: Das theoretische Fundament für die Diskussion über den „öffentlichen Raum“ und den diskursiven Austausch in einer Demokratie.
Filterblasen und Echokammern
- Quelle: Pariser, Eli (2011). The Filter Bubble: What the Internet Is Hiding from You.
- Relevanz: Beschreibt, wie Algorithmen (auf Social Media, wohin die Kommentare ausgelagert wurden) die Meinungsvielfalt einschränken.
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